Bittere Wahrheiten: Die ForuM-Studie

  • Angela Rietdorf (Öffentlichkeitsreferat)
  • Foto: UBSKM ©Barbara Dietl.

Die Veröffentlichung der ForuM-Studie am 25. Januar 2024 hat für viel öffentliches Aufsehen gesorgt. Mit Recht. In der evangelischen Kirche wurden Fälle von sexualisierter Gewalt oft als Einzelfälle behandelt. Aber die Studie zeigt, dass es sich  ein institutionelles  Versagen handelt.

Der Abschlussbericht und die Zusammenfassung der Ergebnisse sind  hier  einsehbar. Bei der Vorstellung der Ergebnisse zeigte sich Bischöfin  Kirsten Fehrs, die kommissarische Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, erschüttert über die schweren Gewalttaten: „Ich bin erschüttert. Ich kann es nicht anders sagen. Immer wieder neu, seit ich mich mit dem Thema befasse, erschüttert mich aufrichtig diese abgründige Gewalt, die so vielen Menschen in der Kirche angetan wurde.“

Superintendent Dietrich Denker wendet  sich – zusätzlich zur Kanzelabkündigung am Sonntag -an alle evangelischen Gemeinden im Kirchenkreis:

„Am Donnerstag (25.1.24) sind die Ergebnisse der sogenannten „ForuM-Studie“ zu sexualisierter Gewalt in evangelischer Kirche und Diakonie veröffentlicht worden. Regionale und landeskirchliche Aufarbeitungsstudien werden folgen. Es ist gut, dass dabei auch von sexualisierter Gewalt betroffene Personen und staatliche Stellen mitwirken werden. Und wir hoffen, dass sich betroffene Menschen auch weiterhin melden.

Ich bin froh, dass die Studie durchgeführt und jetzt veröffentlicht wurde. Und wir sollten uns nicht durch die Diskussion über gelieferte oder nicht gelieferte Daten ablenken lassen:  Die Ergebnisse sind erschütternd. Sie treffen die evangelische Kirche mit allen Gemeinden und diakonischen Einrichtungen bis ins Mark. Die Zahl der Fälle und das institutionelle Versagen der Kirche sind viel größer als bisher angenommen. Und jeder Fall meint einen Menschen und dessen individuelles Leid. Und gerade deswegen: Gut, dass die Studie da ist. Gut, dass wir anfangen, die Wahrheit zu erkennen und die betroffenen Menschen und ihr Leid wahrzunehmen.

Auch in unserem Kirchenkreis müssen wir lernen, mit der Tatsache umzugehen, dass es in der Evangelischen Kirche und Diakonie sexualisierte Gewalt gab und gibt. Auch und gerade dort, wo sich besonders schutzbedürftige und verletzliche Menschen finden.

Viel zu oft in zurückliegenden Jahrzehnten waren evangelische Kirchen, Gemeindehäuser und Heime für Kinder und Jugendliche nicht Schutzorte, sondern Orte des Schreckens. Viel zu oft wurden die Nähe und Geborgenheit in Gemeinden dazu benutzt, das Vertrauen von Menschen zu verraten und ihnen Gewalt anzutun. Geschehene Gewalt wurde vertuscht und geleugnet. Viele von uns konnten sich einfach nicht vorstellen, dass sexualisierte Gewalt in unseren Gemeinden und Einrichtungen vorkommen könnte. Damit haben wir dazu beigetragen, dass Täter und Täterinnen sich sicher fühlten und immer wieder gedeckt wurden. Damit haben wir uns (mit)schuldig gemacht.

Wenn wir jetzt konsequent die Verantwortung für diese Gewalt und diesen bitteren Teil unserer Geschichte übernehmen, brauchen wir unabhängige Untersuchungen wie die ForuM-Studie, um unsere eigenen blinden Flecken zu erkennen und Raum für die ganze Wahrheit zu schaffen. Die Studie hält uns den Spiegel vor. Daraus wollen und müssen wir lernen.

Mein Dank gilt den Betroffenen, die nicht geschwiegen, sondern den Finger immer wieder in die Wunde gelegt haben. Das erfordert viel Mut und Kraft. Sie haben das Recht, von uns nicht nur schöne Worte, sondern entschiedenes Handeln zu erwarten. Wir wollen gemeinsam mit betroffenen Personen das frühere Unrecht aufarbeiten.

Wir tun alles in unserer Macht Stehende, um neue Übergriffe zu verhindern. In den letzten Jahren haben wir in allen unseren Kirchengemeinden intensiv an Schutzkonzepten gegen sexualisierte Gewalt gearbeitet und Mitarbeitende geschult. Inzwischen haben fast alle Gemeinden ein solches Schutzkonzept verabschiedet. Im Blick nach vorne hoffen wir, einigermaßen gut aufgestellt zu sein. Schutz vor sexualisierter Gewalt bleibt aber eine dauerhafte Aufgabe, bei der wir nie nachlassen dürfen.

Ausdrücklich möchte ich dazu auffordern, Ihnen bekanntgewordene Fälle oder auch persönliche Betroffenheit anzuzeigen. Das können Sie im Kirchenkreis tun oder auch direkt bei der Meldestelle der EKiR.“

Vertrauensperson des Kirchenkreises:

Jugendreferent Detlef Bonsack

Email: Detlef.Bonsack@ekir.de

Folgende Ansprechstellen stehen in der Evangelischen Kirche im Rheinland betroffenen Menschen zur Verfügung:

Die Ansprechstelle für den Umgang mit Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung in der Evangelischen Hauptstelle für Familien- und Lebensberatung bietet Betroffenen, deren Angehörigen und anderen Ratsuchenden vertrauliche Beratung an. Ansprechpartnerin Claudia Paul ist unter Tel. 0211 3610-312 erreichbar. Claudia Paul ist auch für Intervention und gemeinsam mit Juliane Arnold und Vlad Chiorean für Prävention zuständig.

In der Fachstelle für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung (FUVSS) bei der Diakonie RWL sind Katharina Degen und Saskia Koll Ansprechpartnerinnen für Betroffene, die Anträge auf Leistungen in Anerkennung des erlittenen Leids stellen möchten. Erreichbar sind sie unter Tel. 0211 6398-661 und Tel. 0211 6398-477.

Die Meldestelle im Landeskirchenamt ist erreichbar unter Tel. 0211 4562-602 und per Mail an meldestelle@ekir.de. Für beruflich und ehrenamtlich Mitarbeitende besteht nach dem Kirchengesetz Meldepflicht bei begründetem Verdacht auf sexualisierte Gewalt.

Weitere Informationen zum Umgang mit sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche finden sich hier.