Pfarrer Dirk Thamm: Predigt an Buß- und Bettag über Matthäus 7,7-12

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

 

Liebe Gemeinde!

„Susanne traut sich kaum noch aus dem Haus. Seit ihr Sohn in der Schule mit den falschen Leuten zusammen ist, hat sich ihr Leben komplett gedreht. Sie weiß gar nicht, was alles passiert ist in den letzten Wochen. Nur, dass irgendwie Drogen im Spiel waren und ein zerkratztes Auto. Im Dorf hat es sich schnell herumgesprochen. Selbst an der Supermarktkasse wird Susanne mittlerweile schräg angesehen. Sie schämt sich für ihren Sohn. Es ist, als würde alles infrage gestellt, was sie ihm in all den Jahren mitgegeben hat. Ich möchte doch einfach nur gut sein, denkt sie. Wie ein guter Baum.

Martin mag gar nicht mehr so gern in den Spiegel sehen. Seit er bei der Steuererklärung eine wichtige Einnahmequelle verschwiegen hat, sitzt ihm die Angst im Nacken, alles könne auffliegen und die Existenz seiner Familie gefährden. Aber vor allem schämt er sich. Er war bisher immer auf Korrektheit bedacht. Er will doch eigentlich alles richtig machen. Aber irgendwie gibt es da einen blinden Fleck. Die Geldsorgen sind groß, und das Geld für den Auftrag kam sehr gelegen. Da hat er halt was verschwiegen. Und jetzt wird er so etwas wie sein eigener Richter. Nachts findet er keine Ruhe und fragt sich, wie es weitergehen soll. Ich möchte einfach gut sein, denkt er. Wie ein guter Baum. Aber wie kann es wieder gut werden?

„Menschen sprechen über einander ihr Urteil. Menschen sprechen über sich selbst das Urteil. Ich bin meine eigene Richterin, und ich bin streng mit mir. Ich weiß, was gut ist. Ich kenne die Gebote. Ich bin hinreichend nachdenklich, aber ich habe meine blinden Flecken, die mich zu Gedanken und Handlungen verleiten, mit denen ich anderen und mir selbst wehtue. Immer wieder. Die Grenze von Gut und Böse ist leicht zu überschreiten. Das Eis ist dünn. Ich weiß doch eigentlich, was gut ist. Und ich will doch gut sein, gute Früchte bringen! Wie ein guter Baum.

Der Buß- und Bettag lädt mich ein, mich zu besinnen. Bin ich auf dem richtigen Weg? Oder muss ich eine Weiche anders stellen? Habe ich einen Fehler gemacht, den ich in Ordnung bringen kann? Kann ich an einer Stelle um Verzeihung bitten? Habe ich andere so behandelt, wie ich selbst behandelt werden möchte? Bin ich – ein guter Baum?

Innehalten, umkehren – mit dem alten Ausdruck: Buße tun. Mich neu ausrichten. Dinge anders machen. In Ordnung bringen und begradigen, was schiefgelaufen ist. Das geht nur, wenn es auch möglich ist, einen Neubeginn zu wagen. Und vor allem: wenn Gott uns einen Neubeginn ermöglicht und nicht schon ein endgültiges, gar vernichtendes Urteil über uns gesprochen hat. Hören wir auf den Predigttext für den Buß- und Bettag aus dem Matthäusevangelium:

Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Oder ist ein Mensch unter euch, der seinem Sohn, wenn er ihn bittet um Brot, einen Stein biete? Oder der ihm, wenn er ihn bittet um einen Fisch, eine Schlange biete? Wenn nun ihr, die ihr doch böse seid, dennoch euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel Gutes geben denen, die ihn bitten! Was du willst, dass dir die Leute tun, das tue ihnen auch.

Ein guter Baum wird gute Früchte bringen, ein böser aber schlechte Früchte. Ich möchte ein guter Baum sein. Mit frischen, guten und bekömmlichen Früchten. An den Früchten werden andere mich erkennen. Buß- und Bettag, Tag der Umkehr. Der Tag sagt mir: Veränderung ist möglich. Es ist wie Baumpflege. Manche Dinge müssen abgeschnitten werden. Manches tut nicht gut, und in manches legen wir mehr Zeit und Kraft, als hilfreich ist. Manche Zweige oder Dinge „schießen ins Kraut“. Manche Früchte sind faul und machen Bauchweh. Ich habe Punkte, an denen ich aus Altem aussteigen will, weil es nicht guttut. Alte zerstörerische Bindungen und Gewohnheiten müssen weiter gelöst werden. Das tut manchmal weh. Aber Baumpflege muss sein, damit die Früchte gut reifen können. Jeder Gärtner, jede Gärtnerin weiß das.

Vielleicht brauche ich Hilfe. Vielleicht schaffe ich es nicht alleine. Gottes guter Geist macht einen guten Baum. Baumpflege ist notwendig. Gute Bäume tragen gute Früchte. Sie wurzeln in guter Erde. Auch ein Sturm fällt sie nicht. Wie wohltuend ist ein Baumpfleger, der geduldig und barmherzig darauf schaut, was getan werden muss. Der Zeit und Raum gibt, um in Ordnung zu bringen, was in Ordnung zu bringen ist, abzuschneiden, was abzuschneiden ist und zu hegen, was noch wachsen soll. Pfleger und Pflegerinnen, die die Erde lockern und die Wurzeln düngen. Baumpfleger, die behutsam schauen, was der Baum braucht und ihm Zeit gibt, damit das, was jetzt schief ist, wieder gerade werden kann. Zeit für Wiedergutmachung. Zeit für Umkehr.

Behutsam spüren, was der Baum braucht – und ihm Zeit geben. Genau hinschauen. Das ist der tiefere Sinn des Buß- und Bettages. Ich darf zur Ruhe kommen. Womit bin ich heute in die Kirche gekommen? Was liegt mir auf der Seele, was möchte ich loslassen; und an welcher Stelle brauche ich Unterstützung, damit ich wachsen kann? Wo habe ich meine Wurzeln? Wo blühe ich? Wo ist etwas ins Kraut geschossen? Gibt es faulige Früchte? Und daneben – gute?

Baumpflege braucht Zeit. Jeder Baum darf wachsen. Ich glaube: es ist Gott, der dabei hilft, Krankes, Lähmendes, Hinderndes, Verwachsenes in unserem Leben loszulassen. Abzuschneiden.

Darin steckt für mich eine Entlastung. Der Baum hat Zeit. Von einem jungen Baum erwartet niemand reiche Ernte. Er darf wachsen. Es werden manche Äste auch schief wachsen. Manchmal braucht es Unterstützung. Manchmal muss ein Baum zurückgeschnitten werden. Der Boden muss gelockert und gedüngt werden. Der Baum hat Zeit. Er darf blühen und wachsen, sich entfalten und Früchte tragen. Manches muss korrigiert werden. Dafür gibt es Zeit.

In dieser Zeit, in meinem Leben kann ich tun, was zu tun ist. Loslassen, was loszulassen ist. Abschneiden, was abzuschneiden ist. Faule Früchte wahrnehmen und wegnehmen. Mich über gute Früchte freuen. Blühen. Mein Lebensbaum darf wachsen unter dem gnädigen Blick meines Gottes.

Und der Frieden Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre unsere Herzen in Jesus Christus. Amen.